Christlich-politische Philosophie in den Niederlanden 1880-1967
Das 19. Jahrhundert war in ganz Europa eine Zeit widersprüchlicher politischer und sozioökonomischer Entwicklungen. Einerseits wirkten die Ideale der Französischen Revolution nachhaltig nach, manifestiert im politischen Streben nach gleichen Rechten für alle Bürger. Andererseits führten die wirtschaftlichen Entwicklungen der Industriellen Revolution zu wachsender sozialer Ungleichheit. Um diesen Phänomenen der Emanzipation und Modernisierung zu begegnen, suchte man nach gesellschaftlichen Reformen, die auf Prinzipien basierten. Liberalismus und Sozialismus waren die prominentesten Vertreter dieser Strömung in ganz Europa.
Sowohl im Protestantismus als auch, insbesondere, im Katholizismus entstand eine internationale Gegenbewegung, die sich in politischen Ideen und Aktivismus gegen Liberalismus, Säkularisierung und den Aufstieg des Sozialismus äußerte. Diese Gegenbewegung führte zur Entwicklung eines auf katholischen – und insbesondere in den Niederlanden auf protestantischen – Grundlagen basierenden Menschen- und Gesellschaftsbildes sowie zur Gründung politischer Parteien. Die Doktrinen, auf denen diese Parteien ihre Prinzipien gründeten, wurden als Neothomismus beziehungsweise Neocalvinismus bekannt.
So entstanden in den Niederlanden vier politisch-philosophische Strömungen: Liberalismus, Sozialismus, Neothomismus und Neocalvinismus. Der neocalvinistische Theologe Abraham Kuyper ergriff 1879 mit der Gründung der Antirevolutionären Partei (ARP) die Initiative zur Parteibildung, gefolgt in den 1890er Jahren von den Sozialisten und den Katholiken. Diese Initiativen markierten den Beginn eines Jahrhunderts politischer Aktivität, die auf einem differenzierten Menschen- und Gesellschaftsverständnis basierte. Die christlichen Parteien, die auf Neothomismus und Neocalvinismus beruhten, entwickelten sich im 20. Jahrhundert zu Massenparteien und den einflussreichsten Machtblöcken in der niederländischen Politik.
In meinem Vortrag erörtere ich die Kernelemente beider christlichen Lehrsysteme und ihre Entwicklung bis etwa 1967. Ich zeige außerdem anhand mehrerer Beispiele die Anwendung dieser Prinzipien in der Politik auf und konzentriere mich dabei unter anderem auf Entscheidungen zur Stellung der Frau in der modernen Industriegesellschaft. Abschließend analysiere ich die Hintergründe des Niedergangs christlich geprägter Politik ab den 1960er Jahren.