Vorwort

Christian Ammer

Zum zweiten Mal ist die Evangelische
Forschungsakademie (EFA) nach 2004
(Krzyzowa/Kreisau, Polen) mit ihrer jährlichen
Pfingsttagung ins Ausland gegangen. Sie wollte
damit ihrer langjährigen Verbundenheit mit ihren
niederländischen Mitgliedern und Gästen von der
Vereinigung für Reformatorische Philosophie
(VRW) einen sichtbaren Ausdruck verleihen.
Vorbereitet wurde diese Tagung von einer
deutsch-niederländischen Arbeitsgruppe, und sie
wurde – abweichend von der langjährigen Praxis
einer lockeren Darstellung verschiedener Forschungsergebnisse durch Mitglieder der EFA –
unter das Generalthema „Positionen europäischer Kirchen zur sozialen Frage“ gestellt. Als
die Tagung geplant wurde, war noch nicht
abzusehen, welche politische Brisanz die soziale
Frage unter dem Einfluss des wirtschaftlichen
Druckes einer sich global orientierenden
Wirtschaft in einem sich vereinigenden Europa
ausüben würde.
Die EFA und die VRW haben mit ihrer
Vortragsauswahl versucht, sich diesen
Herausforderungen auf gesellschaftlicher Seite zu
stellen. So führen die ersten drei in diesem
Tagungsband aufgeführten Beiträge in diese
Problematik ein. Martin Quilisch setzt sich,
ausgehend von der Jahrhunderte alten
Fragestellung des mittelhochdeutschen Dichters
Walther von der Vogelweide, wie man Reichtum,
soziale Achtung und göttliche Gnade miteinander
vereinen kann, mit den Risiken und Chancen des
Globalisierungsprozesses vor dem Hintergrund
der – historisch gewachsenen – verschiedenen
sozialen Sicherungssysteme in Europa
auseinander. Dieser heterogenen Realität der
Identitäten in Europa stellt sich der Beitrag von
Roel Kuiper. Er betont die sozial-ethischen
Fragen vor dem Hintergrund des zu
beobachtenden Stabilitätsverlustes in der
europäischen Gesellschaft und plädiert für eine
zukunftsweisende Debatte über Identität und
Solidarität mit einem energischen Eintreten für
die Familie und gesellschaftliche Institutionen.
Auf die offensichtlichen Probleme in der
Akzeptanz der europäischen Integration geht der
Beitrag von Jan Jacob van Dijk ein, der für die
Ablösung des bisher dominierenden liberalen
Wirtschaftsmodells durch ein soziales eintritt,
was die Stärkung christlich-sozialer Organisationen auf europäischer Ebene erfordert.
Aufbauend auf bisherige positive Ergebnisse des
„europäischen Modells“ entwirft der Beitrag des
Präsidenten der Parlamentarischen Kommission
des Europarates, René van der Linden, Visionen
von Europa, wobei der Integration der kulturellen
Vielfalt auf der Basis eines gemeinsamen
Wertekonsenses ebenso wie der Zusammenarbeit
politischer Institutionen mit Kirchen und anderen
religiösen Organisationen ein wesentlicher
Stellenwert zukommt. Der letzte Gesichtspunkt
wird von Dieter Heidtmann für die evangelischen
Kirchen auf dem Hintergrund der Kooperation
der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen
herausgearbeitet. Welche Rolle die Kirche in der
Zivilgesellschaft spielen sollte, erläutert Leo J.
Koffeman aus dem Blickwinkel der Erfahrungen
und Beobachtungen in den Niederlanden, wobei
er die sozial-ethischen Positionen der Kirche
ausklammert und sich auf die Frage der
Kompetenzen und Befugnisse, also auf ihr
Mandat und Potenzial in einem säkularen
Umfeld, konzentriert. Dass jeder Vereinigungsprozess – sei es im politischen oder
kirchlichen Bereich – auch mit Rückschlägen und
Enttäuschungen verbunden ist, macht Albert
Brandenburg im Rückblick auf die nun schon
Jahrzehnte andauernde Vereinigung der drei
großen protestantischen Kirchen in den
Niederlanden deutlich.
Nicht direkt zu dem Generalthema gehörend,
aber dennoch mit Bedacht der geschichtlichen
Relevanz des Ortes gehorchend und auflockernd
in das Tagungsprogramm aufgenommen, sind die
Referate von Jan Molema über den Beitrag der
Niederlande zur modernen Architektur des 20.
Jahrhunderts und die Kurzfassung der Porträtskizze des deutschen Kaisers Wilhelm II. von
Wilhelm Hüffmeier, die eine gute Einführung zur
Besichtigung von Schloss Doorn war, dem Ort
seines Aufenthalts im Exil bis zu seinem Tode
1941.
Herrn Dr. Ulrich Schröter sei für das
beharrliche Erbeten der Manuskripte gedankt,
ebenso Herrn Wolfgang Schilling vom Amt der
UEK für seine Unterstützung bei der
Drucklegung dieses Tagungsbandes.

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